Freitag, 14. Juli 2017

Standpunkt

Shitstorm gegen CI-Träger

Ich verstehe die ganze Shitstorms gegen CI nicht, die zur Zeit im Internet und auch in der Gehörlosengesellschaft kursiert. Es wird so viel Unwissenheit und Fehlinformationen gestreut. Wenn so viel Fehlinterpretationen gestreut wird, dann sind CI-Gegner wirklich ungebildet, oder nicht?

Auch ich wünsche mir einen respektvollen Umgang mit dem Cochlea-Implantat. Wir sind wirklich eine Einheit: Gebärdensprachgemeinschaft, Gehörlosen, Schwerhörigen, Hörgeräteträger, Sprachbehinderte und Cochlea-Implantat-Träger. Respekt, Toleranz und eine starke, große Gemeinschaft ist wichtig für die Verbreitung der Gebärdensprache. Es ist wichtig, dass wir unser Anderssein gegenseitig respektierten.

Ich selber bin an Taubheit grenzend hochgradig schwerhörig und bin glücklich dass ich mich im Jahr 2015 für eine Cochlear Implantat im rechten Ohr entschieden habe. Und ziehe in Erwägung in Zukunft auf der linken Seite noch eine machen zu lassen.
Ich muss ehrlich sagen, es war am Anfang kein leichtes Unterfangen. Ich habe Jahre gebraucht um mit meinem CI hörtechnisch umgehen zu können. Mein Mann, der wirklich Unsensible, kam bereits nach einem halben Jahr zurecht. Leider zog er unbewusst mich damit herunter, weil ich mit meinem CI immer noch nicht zurecht kam. Ich bin und war von Natur aus schon immer ein Kämpfertyp und glaubte immer an das Gute und dachte nicht ans Aufgeben. Zwei Jahre lang ambulantes Reha und erst Anfang dieses Jahres gibt es beachtliche Hörfortschritte.

Ich kann nur berichten, dass ich kurz vor der Operation ziemliches Panik bekommen hatte. Was wäre, wenn ich nach der OP nicht mehr ich bin oder nicht mehr aufwache? Und die allbekannten Nebenwirkungen wie Schwindel, Tinnitus, Kopfschmerzen, Gleichgewichtsprobleme. Ich wurde durch die soziale Medien (hier: Forum) so negativ beeinflusst wie noch nie, da eine Frau unerklärliche Nebenwirkungen nicht mehr los bekam. Ich erfuhr später, dass es an der persönlichen Einstellung liegt, wie man damit umgeht und wie man den Nebenwirkungen wegtherapierten kann.
Auch das habe ich mir kurz vor der OP noch einmal aufklären lassen und nahm Kontakt mit einer Professor, der selber CI-Träger ist mit der Reha-Klinik in St. Wendel auf und holte eine zweite Meinung. Die Entscheidung blieb letztendlich bei mir und ließ doch eine CI implantieren..

Man befürchtet außerdem, dass durch die CI´s die Gebärdengemeinschaft dadurch kleiner oder ausgestorben wird. Das stimmt nicht. Latein wird auch nicht mehr gesprochen und ist trotzdem nicht ausgestorben.


"Früher wäre ein von mittel- bis Taubheit grenzender Mensch genauso taub gewesen, wie ein vollständig tauber Mensch und bewegte sich eher in der Gebärdensprachgemeinschaft."-Jonas Straumann-


Viele Taube argumentieren unter anderem auch, dass es nicht in Ordnung ist, taube Babys zu implantierten. Man sagt auch, es ist wirklich schlimm für ein so kleines Kind. Ist es aber nicht und es bringt sehr viele Vorteile in der frühkindlichen Entwicklung, denn Kleinkinder bis zu drei Jahren können akustisch sehr schnell wahrnehmen und lernen.


"Heute wissen wir, dass eine frühe Versorgung mit CI zu besseren Ergebnissen führt als eine späte. Eine zu späte Versorgung kann nur sehr bedingt wieder wett gemacht werden, denn die Fähigkeit des Gehirns, mit den dargebotenen akustischen Signalen umzugehen, muss erlernt werden – und dazu ist das Gehirn meist nur während einer kritischen Zeitphase in der Lage." -Prof. Dr. med. Timo Stöver. Direktor der Klinik für HNO-Heilkunde des Klinikums und des Fachbereichs Medizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main-


Unter anderem wird auch behauptet, die Ärzte würden das aufzwingen. Das stimmt nicht. Bei mir hat kein Arzt das aufgezwungen. Die Entscheidung liegt immer bei den Eltern oder bei der volljährigen Person selber. Eine Schuldzuweisung an die Ärzte oder Eltern ist hier falsch. 
Man meint auch, dass Lobbyismus genutzt wird, um Familien eines hörgeschädigtes Kindes zu beeinflussen, damit es den CI bekommt. Kein Arzt macht das aus Profitgier! Sie entscheiden immer zum Kindswohl.

Wichtig ist hier auch, dass bei der Erstberatung mit hörenden Eltern hörgeschädigter Kinder die Gebärdensprache mit einbezogen wird. Meine Meinung ist auch, dass ein bilinguales Konzept zur Verständigung eine Einheit bildet.

Ich sehe nur ein bisschen kritisch, wenn bei einem Kind in der vor-/pubertären Zeit, dass nie oder nur teilweise Hörgeräte trug und gebärdensprachliche Kompetenzen hat, CI eingesetzt wird, da möglicherweise dadurch eine Identitätskrise und keine richtige Orientierung in ihrem Leben bekommt. 
Da entscheidet man am besten zusammen mit dem Heranwachsenden, bevor es in was eingeleitet wird und gib eurem Kind Schutz der Entwicklung der Identität.

Bei Spätertaubten ist es oft kein Problem, denn ihr Hörvermögen kommt nach der Implantation wieder zurück. 

Hier sind noch weitere Informationen zu Jonas Straumann:
Aktueller Interview auf dem Taubenschlag mit Jonas Straumann: 
http://www.taubenschlag.de/2017/07/jonas-straumann-gegencihass/ 

Und ein Meinungsvideo von Jonas Straumann:
www.hearzone.net/post/9946





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